Die alte Botschaft

In alten Zeiten gab es ein böses Reich, und das Wort vom Evil Empire war noch nicht gefallen.

Damals konnten Mandanten Hononare im Schuhkarton vom Chauffeur vorbeibringen lassen. Eine schriftliche Rechnung war nicht vorgeschrieben. Anruf genügte. Die Abrechnung nach Zehntelstunden stand noch in den Sternen.

Gelegentlich musste der politisch aktive Chef zum Spaziergang aufbrechen, um von Münzgeräten zu telephonieren. Mit dem FBI stand er nicht auf Kriegsfuß, doch sollten seine Freunde nicht alles wissen, bevor es im Weißen Haus oder Kongress bekannt war.

Gelegentlich luden sich die Freunde ein, um von der Kanzlei aus das Nachbargebäude zu beobachten – die Botschaft der bösen Roten.

EvilEmbassyDiese Vorgeschichte habe ich nicht miterlebt. Ich kenne sie nur aus Büchern, Zeitschriften oder der von Wein gelockerten Zunge alter Washingtoner Hasen. Und heute entdecke ich, dass dieselben Freunde aus meinem neuen Büro dasselbe Gebäude beobachten können. Um die Ecke.

Sie kommen allerdings heute eher zum Plausch über Phisher oder eine Hintergrundinformation über ehemalige Mitarbeiter vorbei, die demnächst im Kongress, einem Ministerium oder einer DreiBuchstabenBehördeWovonWirNichtsWissenWollen arbeiten werden. Die alte russische Botschaft interessiert sie nicht mehr.

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Published in: on Oktober 5, 2006 at 8:03 pm  Schreibe einen Kommentar  
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