The Shit Will hit the Fan

Stellen Sie sich vor, ein amerikanischer Unternehmer benutzt in einer hitzigen Verhandlung die Redewendung „The shit is going to hit the fan“ – auf Deutsch. Klingt komisch, nicht?

In der umgekehrten Richtung klingt manche deutsche Redewendung nicht nur komisch, sondern kann Sie auch ins amerikanische Gefängnis bringen.

Wer möchte schon wegen eines Idioms, das in einer anderen Sprache etwas Riskantes bedeutet, eine Nacht im Unterhemd unter 40 Fremden verbringen – Fremden, die die simple Redewendung gar als Terrordrohung auffassen und Ihnen den Flug nach Guantanamo ankündigen?

Und doch geschieht es immer wieder. Wenn der Anwalt Sie nicht in die Vertragsverhandlungen begleitete und rasch das Missverständnis aufklärte, kommt später die Polizei im Hotel vorbei und nimmt Sie erst einmal mit – Redefreiheit hin oder her, – denn bei Drohungen ist man nicht zimperlich. Und heute fallen Drohungen leicht unter die Terrorgesetze.

Einen Ausländer aus der Untersuchungshaft zu befreien, ist bei Bedrohungsanklagen – drei Zuhörer = drei Vergehen, nix Tateinheit – oft schwieriger als bei sonstigen Straftaten. Der Vertragsjurist trifft dann auf einen schwer geschockten Mandanten, im roten Sicherheitsanzug, an Händen und Füßen angekettet, hungrig und durstig, umringt von den eilig eingeschalteten Strafverteidigern, Gerichtswächtern und Polizisten.

Er kann vielleicht, wenn das Gericht es zulässt, schon bei der ersten Haftprüfung mit Belegen aus der Vertragssprache, Belegen von Redewendungen in zwei Sprachen und anderen Nachweisen die Ungefährlichkeit der entglittenen Idiomatik erläutern. Im Zusammenwirken mit den Strafrechtlern gelingt vielleicht die Freilassung.

keeping fingers crossed

Doch dann folgen Reisen zur Teilnahme an weiteren Verhandlungsterminen. Der Strafbefehl ist unbekannt – wer am Termin nicht teilnimmt, wird als flüchtig ausgeschrieben und kann Reisen in die USA vergessen. Ein langer und teurer Weg zur Rehabilitierung!

Öfter hört man hingegen, das dieser Weg nicht einmal nach Tagen gelingt. Der Unternehmer erklärt sich irgendwann schuldig, wird nach Wochen abgeschoben und darf nie mehr in die USA reisen. Und all das nur, weil das Schulenglisch samt Erfahrungen aus Urlaub, Film und Fernsehen nicht für alle sprachlichen Klippen im Land der großen Freiheit wappnet.

Auch europäische Freunde makabrer oder gewagter amerikanischer Musiktexte haben schon so manche Nacht, wenn nicht gar Wochen oder Monate, in den Gefängnissen der USA verbracht. Das Sprachschicksal trifft also nicht nur Unternehmer.

 

Published in: on Mai 27, 2010 at 7:00 pm  Schreibe einen Kommentar  
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Internet-Manifest von heute

In diesen Wochen treffen wiederholt Anfragen nach meiner fachlichen Meinung zur Regulierung des Internets durch internationale Übereinkünfte ein.  Werden Studenten mit Hausarbeiten zu diesem Thema beschäftigt, oder entwickelt sich das Interesse in Talkshows?  Damit ich meine heutige Auffassung nicht immer wieder als Antwort auf EMailanfragen darlegen muss, folgt sie hier in verlinkbarer Form:

Ich bin nicht überzeugt, dass das Internet wirksam durch internationale Übereinkünfte reguliert werden kann und sollte.  Die Umsetzungs- und Vollstreckungsaufgaben wären nicht zuverlässig realisierbar.  Die Nationen und natürlichen und juristischen Personen, die die Verträge ignorierten oder nicht effektiv umsetzten, genössen verzerrende Wettbewerbsvorteile, die den gesetzestreuen Wettbewerbern entgingen.  Zudem reichen die vorhandenen, nicht auf das Internet zugeschnittenen Rechtsgrundsätze in der Regel zur Konfliktlösung auch in Internetfragen aus.   Das beweisen die internetverständigen Oberstgerichte in Karlsruhe ebenso wie der etwas nachhinkende Supreme Court in Washington regelmäßig.

So.  Übermorgen sehe ich das vielleicht anders.  Aber vorher lese ich noch einmal das Hacker-Manifest.  Internetangsthasen sollten es sich auch durchdenken, bevor sie nach internetspezifischen Regelungen rufen.

Published in: on Mai 11, 2010 at 7:27 pm  Schreibe einen Kommentar