Kein Wort glauben

Anonymer Rufmord. Geschieht jeden Tag. In der Kneipe. Im Internet. Auf das Getuschel in den hinteren Kirchenbänken kann man nichts geben. Aber wenn es weiß auf schwarz im Internet steht – was wird da nicht alles ernst genommen!

Soll man dagegen vorgehen? Mancher meint, im Internet kann man sich verstecken. Ergo vermuten Geschädigte, Ermittlungen gegen anonyme Rufmörder seien unmöglich. Das stimmt nur selten.

Die Anonymität selbst ist unproblematisch. Verfassungen schützen die anonyme Rede, selbst wenn manche Gesetzgeber glauben, sie dürften sie einschränken. Die Blamage, bei anonymer Unwahrheit aufgedeckt und wegen der Lügen verfolgt zu werden, ist für den Verursacher eine realistische Gefahr; der Vergeltungswunsch des falsch Beschuldigten ist verständlich und bei anonymen Lügen noch intensiver.

Heute drängen sich Schreiber aus Europa auf Server in den USA, Asien oder der Karibik, um einen vermeintlich sicheren Ort für Schmutzkampagnen und illegale Aktivitäten zu finden. Selbst wenn die Rechtsordnungen voneinander abweichen, bieten sie doch zahlreiche Ansätze zur abgestimmten Verfolgung nach straf- und zivilrechtlichen Gesichtspunkten.

Fazit: Wer als Europäer glaubt, über einen Server in den USA einem anderen Europäer eins auswischen zu können, irrt. Wer seine Freunde einbezieht, um mit einer massiven Kampagne auf dem US-Server den Rufmord in Europa zu vollenden, kann in den USA auch unter Verschwörungstatbeständen haften und in Europa ohnehin wegen des dort erzielten Ergebnisses. Der Umweg über die USA führt also zu einer weitergehenden Haftung, nicht aufgrund eines falschen Anonymitätsverständnisses zu geringerem Risiko.

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Published in: on April 22, 2006 at 12:29 pm  Comments (4)  

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4 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Ist das auch übertragbar auf Haftungsansprüche? Es ist ja mittlerweile auch Gang und Gäbe sich Server in Russland und auf den Kaymen zu unterhalten.
    Mich würde ebenfalls eine Einschätzung der Ltd. vs. GmbH-Diskussion interessieren.

  2. Keine Ahnung, wie das russische Recht oder das der Cayman Islands diese Rechtsfrage beurteilt. Mein pauschaler Eindruck von Justizministern und Richtern diverser Laender ist, dass sie nicht wohlwollend zuschauen, wenn Auslaender ihr Land fuer Zwecke missbrauchen, die in der Heimat nicht erlaubt sind. Manche Laender machen bei hoheitlichen Dingen gewisse Ausnahmen. Beispielsweise duldeten oder foerderten einige Laender die Steuerhinterziehung und Kapitalflucht, und manche tun’s weiterhin. Doch da gab/gibt es fuer diese Laender etwas zu verdienen. Das ist bei einem Rufmoerder nicht der Fall, also wuerde man dahin tendieren, den fremden Kopf rollen zu lassen, sofern es keine Ordre Public-Ausnahme gibt.

  3. […] Wie verfolgt man Unbekannte? Die Frage stellt sich für Opfer von Rufmord und Schmähkritik im Internet. Dieselben Fragen stellen sich Inhabern von Urheberrechten, deren Werke unerlaubt über legale Netzwerke vertrieben werden, welche die Teilnehmer anonym auftreten lassen. […]

  4. […] Die heutige Gegendarstellung der Washington Post ist sicherlich nützlicher als Entschuldigungsschreiben aus der Nachbarschaft. Vielleicht merkt sich der Zeitungsleser, dass man nicht alles glauben kann, was im Internet oder einer EMail steht, selbst wenn jemand für die Recherche in Datenbanken eine Gebühr bezahlt hat. […]


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