Latinum

In Deutschland soll Latein für junge Juristen bei der Bewerbung statt der Banklehre den Ausschlag geben. Ich kann mich nicht daran erinnern, in Bewerbungen ein großes Latinum cum Graecum, Programmierkenntnisse oder Erfahrungen im Zeitungsaustragen angegeben zu haben, und bei den laufend eintreffenden Bewerbungen erwarte ich sie ebenso wenig wie Angaben zum Elternhaus, Familienstand oder Religion.

Geht es mit solchen Bewerbungsratschlägen darum, die jungen Juristen weiter zu verunsichern? Als Nichtbewerbungsberater und Bewerbungsempfänger will ich Bewerbungen sehen, die sich auf die Stelle und den Arbeitgeber einschießen. Alles, was nicht auf den Sinn der Bewerbung für uns und unsere Mandanten bezogen ist, ist Beiwerk oder führt womöglich zum falschen Eindruck.

Wer sich bei mir bewirbt, muss also nicht Latein oder Bankwesen, sondern meine Kanzlei und die Interessen unserer Mandantschaft studiert haben. Wer mir sagt, dass er sich mit 13 zum frühmorgendlichen Zeitungsaustragen aufschwingen konnte, bekommt vielleicht einen Bonus.

Nichts gegen Latein und Griechisch – sie vereinfachen den Einstieg in das Juristenenglisch enorm, wie auch Italienisch, Französisch oder Maltesisch.

Published in: on April 27, 2006 at 3:14 pm  Schreibe einen Kommentar  

Kein Wort glauben

Anonymer Rufmord. Geschieht jeden Tag. In der Kneipe. Im Internet. Auf das Getuschel in den hinteren Kirchenbänken kann man nichts geben. Aber wenn es weiß auf schwarz im Internet steht – was wird da nicht alles ernst genommen!

Soll man dagegen vorgehen? Mancher meint, im Internet kann man sich verstecken. Ergo vermuten Geschädigte, Ermittlungen gegen anonyme Rufmörder seien unmöglich. Das stimmt nur selten.

Die Anonymität selbst ist unproblematisch. Verfassungen schützen die anonyme Rede, selbst wenn manche Gesetzgeber glauben, sie dürften sie einschränken. Die Blamage, bei anonymer Unwahrheit aufgedeckt und wegen der Lügen verfolgt zu werden, ist für den Verursacher eine realistische Gefahr; der Vergeltungswunsch des falsch Beschuldigten ist verständlich und bei anonymen Lügen noch intensiver.

Heute drängen sich Schreiber aus Europa auf Server in den USA, Asien oder der Karibik, um einen vermeintlich sicheren Ort für Schmutzkampagnen und illegale Aktivitäten zu finden. Selbst wenn die Rechtsordnungen voneinander abweichen, bieten sie doch zahlreiche Ansätze zur abgestimmten Verfolgung nach straf- und zivilrechtlichen Gesichtspunkten.

Fazit: Wer als Europäer glaubt, über einen Server in den USA einem anderen Europäer eins auswischen zu können, irrt. Wer seine Freunde einbezieht, um mit einer massiven Kampagne auf dem US-Server den Rufmord in Europa zu vollenden, kann in den USA auch unter Verschwörungstatbeständen haften und in Europa ohnehin wegen des dort erzielten Ergebnisses. Der Umweg über die USA führt also zu einer weitergehenden Haftung, nicht aufgrund eines falschen Anonymitätsverständnisses zu geringerem Risiko.

Published in: on April 22, 2006 at 12:29 pm  Comments (4)