Schweigsam, dann bockig

Aus einem Manuskript, die zweite:

Nicht selten bewegen sich Vertragsbeziehungen, die auf langfristige Zusammenarbeit ausgelegt sind und deren Erfolg vom Kooperationswillen beider Seiten abhängt, in eine schweigsame, vielleicht sogar angstgeprägte Zone. Gerade im deutsch-amerikanischen Wirtschaftsverkehr kann ein falsches Wort oder eine Geste missverstanden werden. Die eine Seite meint, man sei doch Partner. Die andere meint, jeder müsse das beste für sich selbst anstreben. Oder der tägliche Witz über den Präsidenten wird allmählich langweilig. Derselbe falsche Ausdruck oder Ton in der englischen EMail, der anfangs lustig erschien oder einfach hingenommen wurde, geht allmählich auf die Nerven. Im Geschäft oder im Unternehmen stellen sich Veränderungen ein, die der anderen Seite nicht mitgeteilt werden. Man lebt sich auseinander. Dann verliert sich das energische und positive Gefühl der gemeinsamen Verfolgung wichtiger Ziele.

Hinzu kommt oft, dass beide Seiten wissen, dass gewisse Laxheiten zu vielleicht alltäglichen und erklärbaren Fehlern geführt haben, die man sich jedoch nicht als Vertragsverletzung vorwerfen lassen will. Daraus erwächst die Gefahr, dass sich die Parteien verschanzen. Transatlantisch werden Besuche eingestellt, weil man befürchtet, im jeweils fremden Land mit einer Klage überfallen zu werden. Irgendwann läuft nichts mehr so, wie es ursprünglich geplant war.

Für diese Lage gibt es kein Geheimrezept. Der Einigungsversuch ausserhalb der vertraglichen Streitbeilegungsvorkehrungen, Dispute Resolution, kann mit einem Treffen von Entscheidungsträgern an einem neutralen Ort angestrebt werden. Die Vertragsparteien können mit einem einfachen Standstill-Vertrag vereinbaren, dass sie nicht bei einem Aufenthalt im jeweils anderen Land die Gegenseite mit eine Klagezustellung überfallen werden. Sie können klären, dass alles im Einigungsversuch offen Dargelegte unter die amerikanischen Beweisregeln für Vergleichsversuche fallen und damit nicht bei einem Scheitern des Einigungsversuchs gerichtlich verwertbar werden soll.

Soweit die Bockigkeit als Vorsichtsmaßnahme gegen Zustellungsversuche entsteht, ist zu bedenken, dass in den USA die Zustellung einer Klage an die Beklagte nicht vom Gericht erfolgt. Private Zustellungsexperten, doch auch der Briefträger können die Klage zustellen. Sie dürfen sie notfalls dem Beklagten vor die Füsse oder über den Zaun werfen. Viele deutsche Unternehmer wissen das und fürchten sich daher vor dem USA-Besuch in solchen Risikolagen. Der amerikanische Vertragspartner vermutet nun, dass das deutsche Prozessrecht genau dasselbe gestattet, und entwickelt dieselbe Furcht vor dem Besuch in Deutschland.

Beide vergessen die Haager Übereinkunft, die strenge Regeln für die internationale Zustellung vorsieht – und  dass der Supreme Court sie ignoriert, woraus sich wieder ganz andere Probleme ableiten.

Korrekturen? Kommentare?

Advertisements
Published in:
on Januar 12, 2006 at 9:20 pm  Schreibe einen Kommentar  

The URI to TrackBack this entry is: https://usanwalt.wordpress.com/2006/01/12/schweigsam-dann-bockig/trackback/

RSS feed for comments on this post.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: